Welche Zeit steht nach « si » im Französischen?
Warum der Conditionnel nach si verboten ist, die vier Bedingungssysteme und die zwei Ausnahmen.
Nach einem konditionalen « si » ist der Conditionnel im Französischen verboten, aus chronologischem Grund. Vier Zeitenkombinationen decken die meisten Fälle ab, zwei Ausnahmen erlauben den Conditionnel doch, und eine Studie von 2009 mit 120 Sprechern zeigt, dass die gesprochene Sprache lockerer ist als die Regel.
Warum ist « si j'aurais » falsch?
Weil die Bedingung der Folge vorausgeht. Das Merkblatt der Vitrine linguistique des Office québécois sagt es klar: die Bedingung « ne peut être qu'au passé ou au présent (et non au conditionnel ou au futur) », die Folge dagegen kann nur im Futur stehen.
Der Nebensatz mit « si » trägt den Ausgangspunkt, bleibt also im Realen oder im Vergangenen, und der Conditionnel wandert hinter das Komma. Die Merkregel: eine einzige Endung auf « rais » pro Hypothese, und nie nach « si ».
Welche vier Systeme gibt es mit « si »?
Das Merkblatt zur Zeitenfolge des Centre collégial de développement de matériel didactique unterscheidet vier.
- Wahrscheinliche Bedingung: si + Präsens oder Passé composé, Hauptsatz im Futur. « Nous quitterons le port si la mer est haute. »
- Irreal in der Gegenwart: si + Imparfait, Hauptsatz im Conditionnel présent. « Vous comprendriez mieux si vous lisiez le texte en entier. »
- Irreal in der Vergangenheit: si + Plus-que-parfait, Hauptsatz im Conditionnel passé. « Vous auriez mieux compris si vous aviez lu le texte. »
- « Si » im Sinn von « wenn » oder « jedes Mal wenn »: beide Verben in derselben Zeit. « Si tu as escaladé l'Everest, moi, j'ai marché sur la Lune. »
Hier liegt die eigentliche Falle für Deutschsprachige. Das Deutsche markiert die Irrealität in beiden Satzteilen: « wenn ich Zeit hätte, würde ich kommen », « wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nichts gesagt ». Zwei Konjunktive, und das ist korrekt. Genau diese Symmetrie führt dazu, dass man im Französischen einen Conditionnel in den « si »-Satz setzt. Das Französische verteilt die Rollen anders: der Nebensatz bleibt im reinen Indikativ, nur der Hauptsatz trägt die Markierung. Wer zwei Signale gewohnt ist, muss eines weglassen.
Eine Variante des Office: nach einem Plus-que-parfait kann der Hauptsatz im Conditionnel présent bleiben, wenn die Folge heute noch gilt. « Si tu étais déjà allé à Londres, tu comprendrais » spricht von der Gegenwart.
Wann ist der Conditionnel nach « si » korrekt?
Zwei Fälle, und sie erklären Sätze in Amtsbriefen, die falsch aussehen.
Der erste ist das « si » der indirekten Frage: führt « si » eine wiedergegebene Frage ein und keine Bedingung, ist der Conditionnel wieder möglich. Das Office zitiert « Nous aimerions savoir si vous seriez disposée à entrer en fonction le mois prochain. » Das ist das « ob » von « wir würden gern wissen, ob Sie bereit wären ».
Der zweite ist das konzessive « si », das eine Tatsache zugesteht statt sie anzunehmen: dann darf das Verb im Conditionnel oder im Futur stehen. « S'il ne viendrait pas volontiers, il viendra quand même » räumt einen Widerwillen ein, macht ihn aber nicht zur Bedingung.
Selten im Gespräch, häufig im Amtsschreiben: wer sie erkennt, korrigiert keinen korrekten Satz.
Wozu dient der Conditionnel ohne « si »?
Hier wird er nützlich, und hier hören Kurse zu früh auf. Das Merkblatt des Office zum modalen Wert des Conditionnel nennt fünf Verwendungen, alle ohne sichtbares « si ».
- Unsicherheit, um eine Information unter Vorbehalt zu geben. Das ist der Conditionnel der Presse: « le bilan serait de trois blessés ».
- Höflichkeit, um eine Bitte, einen Rat oder eine Aufforderung abzumildern: « je voudrais un café » statt « je veux un café ».
- Einräumung, mit der Wendung « ne savoir + Infinitiv ».
- Überraschung oder Ärger, im Ausruf oder in der Frage: « moi, j'aurais dit ça ? »
- Das Fiktive der Kinderspiele: « moi je serais le capitaine ».
Das Deutsche leistet dasselbe mit « soll » und « angeblich » sowie mit « ich würde gern ». Der französische Weg ist kürzer, weil eine Verbendung beides trägt. Zuerst die Höflichkeit, ab A2 im Laden oder in der E-Mail brauchbar, dann die Unsicherheit.
Was diese Regeln nicht sagen
Erstens sind sich die Institutionen nicht einig, was er ist. Der Leitfaden zur grammatischen Terminologie des französischen Bildungsministeriums entscheidet: « le conditionnel, en dépit d'une tradition encore vivace, doit bien être considéré comme un temps de l'indicatif », mit dem Argument der Symmetrie chanterai, chanterais, chantai, chantais. Das Sprachportal Kanadas betitelt sein Merkblatt weiter « conditionnel (mode du verbe) ». Wenn Lehrbuch und Lehrkraft es anders einordnen, hat keiner unrecht.
Zweitens beschreibt die Regel die Schriftnorm. Carmen LeBlanc hat ein Korpus gesprochenen Französisch aus der kanadischen Hauptstadtregion untersucht, 120 Gewährspersonen, im Canadian Journal of Linguistics von Juli 2009: der Conditionnel erscheint dort durchaus in « si »-Sätzen, und seine Form richtet sich nach der modalen Lesart der Äußerung.
Drei Grenzen. Die Studie deckt eine Region Kanadas ab und sagt nichts über das Französische Frankreichs oder Afrikas. Sie beschreibt Gesprochenes, kein Vorbild. Und im DELF wird nach den Schulgrammatiken korrigiert: schriftlich gilt die Regel.
Es bleibt die Rollenverteilung: « si » baut die Kulisse, der Conditionnel sagt, was folgen würde. Gute Übung: drei Erinnerungen nehmen und erzählen, wie es anders gelaufen wäre. Genau darauf hört eine Prüferin.
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Quellen
- Vitrine linguistique, Office québécois de la langue française, Conditionnel dans les phrases hypothétiques und Valeur modale du conditionnel
- Centre collégial de développement de matériel didactique, L'emploi du temps dans la subordonnée introduite par si de condition
- Französisches Bildungsministerium, La grammaire du français, terminologie grammaticale
- Carmen L. LeBlanc, Conditional morphology in si-clauses: A Canadian-French reanalysis, Canadian Journal of Linguistics 54(2), 2009
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